Gianni Caravaggio
Aus der Dunkelheit heraus und in die Nacht hinein
16. April – 15. Mai, 2010
Eröffnung: Freitag, 16. April 19-22 Uhr
Sies + Höke präsentiert erstmalig in Deutschland eine Einzelausstellung des in Mailand lebenden Künstlers Gianni Caravaggio (*1968). Gezeigt werden acht skulpturale Installationen, die untereinander wie auch mit den vorhandenen Räumen in einem dynamischen Bezug stehen.
Die Ausstellung empfängt den Besucher mit dem Werk „Attendere un mondo nuove“ (in Erwartung einer neuen Welt): Ein Stab aus Aluminiumröhren zeigt mit der Spitze durch ein Loch in der Fensterscheibe gen Himmel, während sein Ende in ein Gemisch aus Mehl, Gips und Pflanzenkeimen am Boden führt. Bei Regen leitet die Röhre das Wasser von draußen in den Raum hinab, worauf in dem harten Klumpen ‚eine neue Welt’ entsteht. Vor dem Treppenabstieg ins Souterrain platziert der Künstler die Arbeit „Geh mir aus dem Licht (die Wahrheit)“ – einen Stein, dessen eine Hälfte aus weißem und dessen andere aus dunkelgrauem Marmor besteht. Die Positionierung des Steins ist so auf den Lichteinfall abgestimmt, dass die scharf abgesetzte dunkle Marmorhälfte exakt entlang der Lichtkante im Schatten liegt.
Für Caravaggio ist künstlerisches Schaffen mit philosophischen Gedanken verbunden. Kunstwerke sind Transmitter für demiurgisch-schöpferische Vorgänge, an denen Künstler wie Betrachter gleichermaßen beteiligt sind. Im Platonischen Sinn ist der Demiurg Handwerker und Mediator zugleich, der den Transfer zwischen sinnlicher und intellektueller Welt ermöglicht. Tatsächlich sorgen Caravaggios paradoxe Materialkombinationen – Bronze mit Schokolade, Marmor mit Zucker oder Pflanzenkeimen – erst über die sinnliche Erfahrung für geistige Initialzündungen. Für „Device to create space“ reibt der Künstler den Putz der Galeriewand mit einem mit Schleifpapier versehenen Marmorblock ab und lässt ihn auf eine Marmorplatte rieseln. Während die Plattenoberfläche durch den pulverisierten Auftrag an atmosphärischer Tiefe gewinnt, ist der daneben abgelegte Marmorblock eine Erinnerung and die stets wiederholbare Handlung. „Beginning with witness“ besteht im Zentrum aus einer überschaubaren Anhäufung von Kugeln verschiedener Materialien und Größen, platziert auf einer versilberten Bronzeplatte, die in ihrer Form der Hand nachempfunden ist, mit der der Künstler die Kugeln in den Raum wirft. Tatsächlich zeugen Abdruckstellen an den umliegenden Wänden von der vorangegangenen Aktion und vermitteln den Eindruck, als seien die Kugeln zuvor wie Planeten in einer Umlaufbahn durch den Raum gekreist. Der Aktion (beginning) steht eine schwarze Marmorskulptur gegenüber, deren massiver Körper von den Kugeln durchlöchert zu sein scheint. Ihre Zeugenschaft (witness) scheint mehr darin zu bestehen, Energie aufzunehmen und zu speichern als sie abzugeben. Auch „Verso l’eternità“ ist zweiteilig: die aus einem Styropor-Quader heraus gebrochene Ecke, deren Bestandteile in Metall gegossen und für die Ewigkeit haltbar gemacht wurden, ist, wieder zur kompletten Ecke zusammengesetzt, an ganz anderer Stelle platziert als der dazugehörige, vergänglichere Quader.
Caravaggios prozessorientierte Installationen reagieren auf den labyrinthartigen Grundriss der Galerie, die man auf mehreren Stockwerken durchläuft und dabei auch der unterschiedlichen Raumatmosphären gewahr wird: von der Schaufenstergalerie über die Empore mit geschwungener Balustrade, dem kabinettartigen Souterrain bis hin zum klassisch geschnittenen Obergeschoss. Lucio Fontana durchstieß einst seine Leinwände mit Schnitten und Perforationen und reflektierte so die Bezüge zwischen Geste, physischem und imaginiertem Raum. In Referenz zu seinem Concetto Spaziale geht es Caravaggio um die Idee von Raum, die über die rein physische Präsenz hinausgeht und sich in der Vorstellungskraft bildet. Seine Arbeiten kreisen immer wieder um die Frage nach dem künstlerischen Prozess, dem zeitlich Werdenden und dem imaginierten Möglichen.
Carla Orthen