Claus Föttinger

13. Januar 2006 — 04. Februar 2006

Gallipoli project and some private things

Die Werke von Claus Föttinger sind gekennzeichnet durch die Verbindung von Vergangenem mit Gegenwärtigem, von der Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen, von der Umgestaltung alltäglicher Gegenstände in künstlerische Installationen. Für seine Installationen verwendet Föttinger meist Filmstills, Familienfotos, Fotos aus der Zeitgeschichte oder eigene Fotografien. Er isoliert die Abbildungen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und verwendet die Reproduktionen als Materialien, mit denen er Einrichtungsgegenstände aus dem Alltag herstellt und verkleidet. Lampen, Tische, ein Sofa und eine Bar stoßen beim Betrachter auf vertraute Sehgewohnheiten. Doch werden ihre alltäglichen Funktionen in dem Moment gebrochen, in dem der Betrachter sich mit den isolierten Reproduktionen und deren Kombinationen und Kontrastierungen auseinander setzt. Das profane Mobiliar lädt nicht mehr nur in seinem alltäglichen Zusammenhang zur Kommunikation ein, sondern Föttingers Installationen werden innerhalb der Kunst zu Orten des Diskurses erhoben.

Im Mittelpunkt der Ausstellung befinden sich drei miteinander im Dialog stehende Hängelampen: „Gallipoli“, „Gallipoli 18.03.“ und „Gallipoli 25.04.“. Die Lampen sind aus verschiedenen reproduzierten Bildern zusammengesetzt. Dabei sind die einzelnen Bilder so aneinander genäht, dass sie die Form eines Buckyballs wieder geben. Anlass für die Installation waren die Verhandlungen und Diskussionen um den EU-Beitritt der Türkei im letzten Jahr, die mit der Feier zum 90. Jahrestag der Schlacht auf Gallipoli zusammen fielen. Während des Ersten Weltkrieges gedachte Winston Churchill, erst die türkische Halbinsel Gallipoli, dann Konstantinopel zu besetzen und so den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten zu entscheiden. Mit der Unterstützung deutscher Generäle siegten die türkischen Truppen unter der Führung von Kemal Atatürk trotz ihrer Minderzahl in einem der qualvollsten und verlustreichsten Stellungskriege über britische, französische, australische und neuseeländische Soldaten. Am 18. März 1915 wurden britische und französische Flotten vor der türkischen Küste versenkt. Dieser Tag wird heute in der Türkei als Nationalfeiertag gefeiert. In den Kämpfen am 25. April 1915, dem so genannten Anzac Day, kam es wohl zu den größten Verlusten auf beiden Seiten. Beide historischen Eckdaten werden in jeweils einer Hängelampe thematisiert und in einer dritten Hängelampe vereint. In intensiver Recherche sammelte der Künstler Bildmaterial und reiste selbst vor Ort. Doch nicht nur Bilder der Region und der Schlachten sind in der Installation zu sehen, sondern auch ihre Teilnehmer wie Churchill oder Atatürk, der nach den Kriegen sein Land revolutionierte, um es westlichen Maßstäben anzupassen. Weitere Bilder zeigen Tischlampen des Künstlers, die er in Form eines Andenkenstandes an sein Auto angebrachte. Föttinger selbst nahm an den Gedenkfeiern auf Gallipoli im letzten Jahr teil und verkaufte Lampen mit Darstellungen der damaligen Schlacht und der heutigen Gebiete von Gallipoli. Anders als in Föttingers früheren Installationen wird er hier Teil seines Werks. Er verwendet nicht mehr ausschließlich fremdes Material, sondern wird selbst zum Anwesenden und Akteur seiner Installation.

Die Bilder und ihre Zusammenstellung sprechen für sich. Föttinger bezieht sich auf ein historisches Ereignis: In Anlehnung an die Schlacht steht Gallipoli neben den grausamen Aspekten der Schlacht auch als Gründungsakt der modernen Türkei, als ein Ort der Erinnerung und der Verbrüderung. Zugleich greift der Künstler ein Thema aktuellster Brisanz auf und markiert die wandelnde Bedeutung ein und desselben Ortes: Denn automatisch stellt sich im Zuge der Eu-Beitrittsverhandlungen der Türkei die Frage nach dem heutigen Standpunkt Gallipolis. Befindet sich Gallipoli im Osten oder im Westen?