Alexander Gutke
23. März 2007 — 21. April 2007
Alexander Gutkes erste Solo-Show in Deutschland gibt Einblick in seine Film- und Fotoinstallationen der letzten Jahre bis hin zu Arbeiten, die gerade erst entstanden sind und erstmals gezeigt werden.
In Lighthouse (2006) wirft ein Kodak-Diakarussell 81 weisse Leerflächen an die Wand, die sich schrittweise in Form, perspektivischer Verkürzung und Schärfe verändern und Illusionen von Raum, Tiefe und Bewegung hervorrufen: Die projizierten Bilder scheinen nach vorne und nach hinten zu springen und man glaubt, nur ein einziges rotierendes Dia verursache ihre Bewegungen an der Wand. Porträtierte Gutke ein Jahr zuvor eine Reise durch das Innere eines Dia-Projektors (Exploded View), transformiert er nun in Lighthouse die Projektionsfläche ins Dreidimensionale und bezieht damit den Ausstellungsraum mit ein.
9 ways to say it’s over (2006) besteht aus neun Filmstills in Schwarzweiss, die den letzten Schriftzug im Abspann verschiedensprachiger Filme aus den 1920er bis 1970er Jahren wiedergeben: „THE END“, „FIN“, „SLUT“… . Die orthografische Vielfalt bei gleich bleibender Wortbedeutung zeigt verdichtet, wie universell Auffassungen von Romantik, Verlust und der Endgültigkeit des Lebens weltweit vorherrschen. Zugleich scheint sich selbst das Ende, das uns alle betrifft, je nach Herkunftsland und Lebenskontext zu unterscheiden. Der Titel reflektiert romantische Vorstellungen in der Welt des Films, wie auch vom Leben und Tod im Allgemeinen. “The film arrives at its final narrative destination while the psychological room created between the viewer, the characters and the story continues to live a life of its own.” (Alexander Gutke)
Für seine neueste Arbeit snerohT steht ein Plattenspieler-Klassiker der Marke Thorens TD 165 MKII Modell, dessen Design und Funktion Gutke subtil wie detailgetreu ins Gegenteil verkehrt: Tatsächlich lassen sich auf seinem Nachbau Platten auch rückwärts abspielen.
Seit dem Aufkommen der “Paul is dead” – Verschwörungstheorie in den späten 60ern, die das Gerücht in Umlauf brachte, der Ex-Beatle Paul McCartney sei gestorben und umgehend durch einen Doppelgänger ersetzt worden, verbreiteten sich in der Rockwelt Mythen und Spekulationen über versteckte Nachrichten in Songtexten und auf Plattencovern. Christliche Konservative suchten nach Hinweisen subversiver Nachrichten mit dem Ziel, die irregeführte Jugend zu „de-programmieren”.
Bands wie die Beatles, Led Zeppelin und die Eagles gerieten in Verdacht, durch so genanntes „Backward Masking“, d.h. das rückwärtige Abspielen ihrer LPs, den Fans satanische Texte zu vermitteln. Gutkes Arbeit verweigert jedoch die Interaktion, sie bleibt bewusst Skulptur und bietet lediglich die Angriffsfläche für subversive Botschaften, die in den Köpfen der Betrachter unterschiedliche Fortsetzungen finden können.
Alexander Gutke verursacht durch die Verwendung von sich wiederholenden, minimalistischen Techniken Spezialeffekte, die die eigene Wahrnehmung vorübergehend ins Schwanken bringen. In der akribischen Wiederholung und Inszenierung alltäglich erscheinender Abläufe macht er Phänomene sichtbar, die dem Auge üblicherweise verborgen bleiben. Konsequent nah am Formalismus und fern jeder Narration, schafft er dennoch Illusionen, die den Raum unserer eigenen mentalen Projektionen und Einbildungen erweitern.